Früher Stacheldraht, heute Glasfaser
16.09.2019

Früher Stacheldraht, heute Glasfaser

400 Kilometer Stachelzaun. Wachtürme alle 300 bis 400 Meter. Eine Zone, in der Schüsse fielen, Menschen ums Leben kamen und Hundegebell die Stille der Nacht durchschnitt. Höre ich derartige Erzählungen, rückt die geografische Verortung für mich gedanklich in die Ferne. Als das Bild des österreichischen und ungarischen Außenministers, auf dem sie in Anzug und Krawatte am 27. Juni 1989 den Drahtzaun des Eisernen Vorhangs durchschnitten, um die Welt ging, lag ich noch gemütlich im Bauch meiner Mutter. Damit ist auch gleich erklärt, warum ich das Jahr 1989 beinahe ausschließlich mit meinem Geburtsjahr verbinde. Dass 1989 auch ein Jahr der politischen Umwälzungen in Österreich und Europa war, weiß ich zwar aus dem Geschichteunterricht – doch historische Ereignisse einordnen zu können, ist eine Sache. Ihre Tragweite auch tatsächlich zu begreifen eine andere.


Karl Bauer erinnert sich an 1989

Karl Bauer, gebürtiger Waldviertler und Chef von NBG Holding, ist mir da – und darüber kann ich nur dankbar sein – einen Schritt voraus. Als der Eiserne Vorhang 1989 fiel, war der Unternehmer 29 Jahre alt. „Ich verbrachte fast dreißig Jahre an der Grenze – für mich war das normal“, erzählt Bauer. „Normal“ heißt in seinem Fall: eine stark bewachte Grenze aus Stacheldraht quasi vor der Haustür, die eindringliche Warnung der Eltern, sich dieser ja nicht zu nähern und Flutlichtmasten, die in der Nacht auf einmal angingen. Bevor Autos die Grenze passieren wollten – rund zwanzig Fahrzeuge waren es täglich – unterzogen Grenzwächter diese einer akribischen Kontrolle. Mit Spiegeln wurde unter das Auto gelugt, Sitze mussten ausgebaut und der Kofferraum ausgeräumt werden. Erst nach aufwendiger Prozedur konnte die Fahrt fortgesetzt werden.

 

Wirtschaftsstandort Waldviertel – nicht ohne Grenzfall

„Es gab damals nur eine Richtung, nämlich weg von der Grenze“, erinnert sich Bauer. Gmünd sei eine Art Sog gewesen – alles habe sich von dort wegentwickelt. Heute, 30 Jahre später, ist das Bild im nordwestlichen Eck Niederösterreichs ein anderes: Seit seiner Gründung 1991 erstreckt sich auf beiden Seiten der Staatsgrenze im Waldviertel der Access Industrial Park Austria Gmünd – der europaweit erste grenzüberschreitende Wirtschaftspark.

„Ansonsten wäre eine Firmengründung hier nicht möglich gewesen“, erzählt Bauer als er zwischen der Ortstafel Gmünd und dem Hinweisschild „Pozor – Státní Hranice“ („Achtung Staatsgrenze“, Anm.) steht. Anstelle wie einst auf meterhohen Stacheldraht blickt er heute auf mehrere Gebäude, die in Summe knapp fünfzig Unternehmen beherbergen – wie auch NBG Fiber. Vor 23 Jahren ist Firmenchef Bauer hier „ins Meer gesprungen, in dem lauter Haie schwammen“, um sich im Laufe der Jahre am globalen Markt sukzessive zu einem der führenden Unternehmen im Fiberoptik-Bereich zu entwickeln. 300.000 Kilometer Glasfaser in 12.000 Kilometer Stahlröhrchen werden jährlich produziert, verarbeitet und mittlerweile neben dem Telekommunikations-Bereich auch für sensorische Anwendungen verwendet. „Unser Kabel wird beispielsweise hinter Tunnelwänden vergraben, um die Bewegungen eines Berges und somit den Einfluss auf die Tunnelkonstruktion zu bewachen“, erklärt NBG-Fiber-Geschäftsführer Andre Schönauer.  

 

Mit hochtechnischen Nischenprodukten zum Weltmarkt-Player

Der Fall des Eisernen Vorhangs legte den Grundstein für die Unternehmensgründung im Waldviertel. Die immer wiederkehrende Suche nach technischen Nischenlösungen die Bausteine für den wachsenden Firmenerfolg. Und der Mörtel? Der werde durch gute und motivierte Mitarbeiter gebildet, ist Schönauer überzeugt. Aus einer Handvoll vor über zwanzig Jahren sind mittlerweile rund hundert geworden – Tendenz steigend. Nicht nur, weil im kommenden Jahr eine europaweit einzigartige Produktionsstätte für hochwertigste Glasfaser-Rohkörper in Gmünd in Betrieb geht: „Der Bedarf an Glasfaserkabeln steigt von Jahr zu Jahr. Am Anfang jeder optischen Faser steht ein Glasstab, der Vorformling, wodurch nicht nur der Bedarf an dem Endprodukt, sondern auch an Preforms steigt“, schildert Schönauer. 5,2 Millionen Glasfaserkilometer werden ab Oktober 2020 in der neuen Produktionsstätte hergestellt.

Eine beeindruckende Zahl. Eine schöne Zahl. Eine schöne Entwicklung. Nicht nur wegen der dadurch verankerten regionalen Wertschöpfung im abwanderungsbetroffenen Waldviertel. Sondern auch, weil 5,2 Millionen Kilometer Glasfaserkilometer ein weit ansprechenderes Bild abgeben, als ein Kilometer langer Stacheldrahtzaun – auch metaphorisch gesprochen, versteht sich.

> Zur Blogübersicht anlässlich 30 Jahre Fall des Eisernen Vorhangs

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Dieser Beitrag wurde von der freien Journalistin Carina Rambauske verfasst, die im Auftrag von ecoplus mit Unternehmen und Unternehmerinnen in der Grenzregion zur Wahrnehmung des Fall des Eisernen Vorhangs und der wirtschaftlichen Entwicklung ihrer Region spricht. Die Ansichten dieses Beitrages müssen nicht der Meinung von ecoplus entsprechen.