Hochprozentig auf Erfolgskurs
29.10.2019

Hochprozentig auf Erfolgskurs

Ein letztes Mal geht es entlang des einstigen Eisernen Vorhangs auf Erkundungstour von Erfolgsgeschichten niederösterreichischer Betriebe in der Grenzregion. Und zwar wieder ins Waldviertel: durch die Wachau, vorbei an Weingärten, über Serpentinen rauf auf den Seiber-Berg, durch kleine Wälder in den tiefsten Herbstfarben, bis zum 70-Einwohner-Ort Roggenreith (Bezirk Zwettl). Hierher verschlug es Johann und Monika Haider vor 29 Jahren. „Die Region war durch ihre Abgeschiedenheit immer stark benachteiligt. Viele Junge sind weggewandert, da es keine guten bzw. gar keine Jobs gab und das Gefühl der Eingeschränktheit vorherrschte“, erzählt Monika Haider. Der Fall des Eisernen Vorhangs 1989 veränderte das. „Es tut sich etwas, es macht sich etwas auf“, schildert sie das Gefühl nach der Grenzöffnung vor dreißig Jahren. Die beiden gaben dem Waldviertel eine zweite Chance und zogen nach 15 Jahren in Wien zurück in ihre Heimatregion, um die Landwirtschaft der Eltern zu übernehmen. „Eines“, erzählt Johann Haider weiter, „war uns aber sofort klar: Um wirtschaftlich überleben zu können, mussten wir uns etwas Neues überlegen“. Denn obwohl Österreichs Beitritt zur EU für die jüngeren Generationen eine große Chance darstelle und die Zukunft sei, „für unsere Generation war er wirtschaftlich eine Herausforderung“.

 

Auf den Geschmack gekommen

Die Antwort des wirtschaftlichen Überlebens fand die Familie Haider vor der Haustüre: Getreide, Torf, Eichen und weiches Wasser. Warum nicht daraus etwas besonders Edles kreieren? Gesagt, getan. Mit allem, was die heimische Region anzubieten hat, destillierte die Familie Haider 1995 ihren ersten Whisky. „Mein Vater, der kreative Chaot und meine Mutter, die das in Bahnen gelenkt hat“, schildert Junior-Chefin Jasmin Haider schmunzelnd. Drei Jahre später wurde der erste Whisky aus dem Waldviertel verkostet. Mit dem darauffolgenden Echo hatte die Familie nicht gerechnet. Aus Whisky-Verkostungen in kleinen Runden wurden volle Reisebusse, die ins Waldviertel pilgerten, um auf den Geschmack des „Whiskys made im Waldviertel“ zu kommen.

Schrittweise veränderte sich der Betrieb, der ursprünglich auf Rinder und Schweine ausgelegt war, zur ersten Whisky-Destillerie Österreichs: Aus dem alten Rinderstall wurde ein Arbeitsraum, der einstige Heuboden ist das jetzige große Whiskylager, der frühere Laufstall ist nun das kleine Lager. Aus dem ursprünglich geplanten kleinen Ab-Hof-Laden entstand die Whisky-Erlebniswelt, die jährlich mehrere Zehntausend Besucher nach Roggenreith lockt, um dort den Weg vom Getreidefeld ins Whiskyglas zunächst zu erfahren - und später - zu schmecken. Über 115 Sorten umfasst das Sortiment des Waldviertler Whiskys mittlerweile.

 

Der Charakter des Waldviertels im Glas

„Unglaublich, was man als kleiner Waldviertler Betrieb alles leisten kann“, sagt Johann Haider stolz, während er über das Gelände spaziert, die Hochleistungsbrennerei erklärt, auf die symbolische Verbindung zwischen dem Feuer-Wasser-Garten und den Elementen des Whiskys hinweist und einen Blick auf die Whiskylager erhaschen lässt: Über 180.000 Liter Whisky türmen sich aktuell in Fässern übereinander. In jedem reift ein signifikanter Charakter heran, der durch eine besondere Lagerung entsteht. Von rauchigen, in Süßweinfässern gelagerten getorften Whiskys und RARE Selections, bis hin zu Whiskys mit mildem Vanilleton, die in heimischen Manhartsberger Sommereichen oder Traubeneichen heranreifen. „Das Holz hat, so wie für Österreich typisch, einen außergewöhnlichen Charakter“, erklärt Jasmin Haider. Werden erstbefüllte Fässer zu lange verwendet, wird der Whisky bitter. „Ein guter Whisky muss nicht alt sein, er braucht nur das richtige Alter“, betont die Unternehmerin. Die Faustregel: Drei bis vier Jahre für die Erstbefüllung, sechs Jahre für eine Zweitbefüllung in den gleichen Fässern. Bevor diese ein drittes Mal mit Whisky befüllt werden können, werden die Fässer zunächst zerlegt, ausgehobelt und neu ausgebrannt – um für weitere acht bis zwölf Jahre die edelsten Whiskys heranzubilden. Im kommenden Jahr wird erstmals ein 15-Jähriger präsentiert.

 

Nächster Schritt: der Weltmarkt

„Ein Whisky braucht seine Zeit – mit dieser Zeit sind wir mitgewachsen“, blickt Jasmin Haider auf die Entstehung der Waldviertler-Whiskys und der dazugehörigen Erlebniswelt in den vergangenen Jahren zurück. Als die Whiskydestillerie noch in den Kinderschuhen steckte, tat es Jasmin Haider beinahe auch noch. Nachdem sie als Mädchen Etiketten pickte und Besucher willkommen hieß, wenn ihre Eltern gerade mit anderen Aufgaben beschäftigt waren, ging sie nach Wien, um zu studieren und zu arbeiten. Die Leidenschaft und die Faszination für Whisky habe sie dazu bewogen, ins Waldviertel zurückzukehren. Von hier aus führt sie den Betrieb in die Zukunft – mit individuellen Whisky-Kreationen, in denen sich die Verbundenheit mit der Region widerspiegelt. Und mit dem Ansinnen, das, was der österreichische Markt übriglässt, auf internationale Vertriebswege zu schicken. Mit Partnern in den USA und China laufen dafür aktuell Gespräche. Sollten diese aufgrund aktuell diskutierter Zölle nichts werden, sieht Jasmin Haider das locker: „Mir bleibt ja noch der Rest der Welt.“ Dem abgebauten Stacheldraht vor der Tür sei Dank.