Typisch Waldviertel?
25.09.2019

Typisch Waldviertel?

Auf den ersten Blick haben sie wenig gemeinsam. Die einen stellen Bänder her, die andere große Tanks. Die einen in Groß Siegharts, die anderen in Heidenreichstein. 26 Kilometer voneinander entfernt im Waldviertel. Die einen seit 1848, die anderen seit 1987. Doch beide exportieren ihre Produkte auf sämtliche Kontinente der Welt, etwa nach Brasilien, Australien oder in die USA. Silberbauer Textiltechnik stellt so viele Kilometer Bänder im Jahr her, dass damit die Erde einmal umspannt werden könnte und GLS Tanks liefert jährlich rund 300 Tank aus. Alles ausgehend vom äußersten Rand Niederösterreichs.

Kaum vorstellbar im Anbetracht der Tatsache, dass vor drei Jahrzehnten das Trennende versinnbildlicht durch Stacheldraht das Bild dominierte: „Da war nix – früher, als man beim Spazierengehen noch aufpassen musste, nicht auf tschechischen Boden zu kommen“, erzählt Firmenchef Ulrich Achleitner während er durch den ältesten Teil von Silberbauer Textiltechnik in Groß Siegharts führt. Hier scheint die Zeit stehen geblieben zu sein: Knarrende Holzböden, alte Webstühle und eine große Waage lassen erahnen, wie es bei der Unternehmensgründung 1848 ausgesehen haben muss. Doch dieser alte Schein trügt. Mit modernster Technik, die zum Teil weltweit nur hier zu finden ist und sich schon lange nicht mehr nur auf das Weben konzentriert, hat sich der Betrieb vom 19. in das 21. Jahrhundert katapultiert.

 

„Auf einmal hat es funktioniert“

Als Achleitner den Familienbetrieb vor 32 Jahren in fünfter Generation übernahm, beschloss er, zusätzlich zu textilen Bändern auch technische aus Glas-, Polyester-, Aramid- und Kohlefasern anzufertigen. Zum einen für die Energieerzeugung und -verteilung, zum anderen für den Maschinenbau. „Wir haben unsere gesamte Weberei umgestellt, da wir ansonsten nicht überlebt hätten“, erzählt Achleitner. Einfach war das nicht. „Am Anfang hatten wir nur Rückschläge zu verzeichnen – das war heftig“, kann der Waldviertler sich mittlerweile mit einem Lachen zurückerinnern. „Aber die Produktschiene war total interessant, deshalb haben wir weiter gemacht. Und dann hat es auf einmal funktioniert.“

Aus acht Webmaschinen wurden über 120 Geräte, die weben, wirken (das Verschlingen von Fäden zu Maschen) und flechten. Aus einem wurden zwei Werkstandorte und eine neue, moderne Produktionshalle. Aus dem zunächst ausschließlich nationalen entwickelte sich ein internationaler Kundenstamm. Heute ist die Bandweberei zwanzig Mal größer als vor dreißig Jahren und kann 30 Mitarbeiter beschäftigen. Wesentliches trug der Fall des Eisernen Vorhangs und in weiterer Folge vor allem der EU-Beitritt Österreichs bei: „Das hat uns wirtschaftlich einiges gebracht! Barrieren gibt es heute nur mehr sprachlicher Natur“, sagt der Firmenchef.

 

„Man geht zehn Schritte nach vor und neun zurück“

Rund zehn Kilometer vom ehemaligen Eisernen Vorhang entfernt wächst auch ein anderes Waldviertler Unternehmen kontinuierlich: GLS Tanks in Heidenreichstein. Seit 1987 plant, produziert und montiert der Betrieb mit rund 90 Mitarbeitern emaillierte Stahltanks und Silos für Biogas- und Wasseraufbereitungsanlagen – wie etwa die größte Biogas-Anlage Europas in Skandinavien vor drei Jahren oder riesengroße Trinkwasserspeichertanks in Ägypten wie es aktuell der Fall ist.

„Weltweit gibt es nur drei Hersteller, die so sind wie wir“, berichtet Geschäftsführer Günther Fuchshuber stolz. Doch den Markt sukzessive zu erobern sei mühsam gewesen – „man geht zehn Schritte nach vor und neun zurück.“ Mittlerweile ist GLS Tanks mit einem Exportanteil von über 95 Prozent weltweit vertreten.

 

Der große gemeinsame Nenner: Erfolg made im Waldviertel

„Wir sind eines der typischen Waldviertler Unternehmen, das zeigt, dass man weltweit etwas erreichen kann“, sagt GLS-Tanks-Mitarbeiter Stefan Holzner stolz. Damit fällt der erste Eindruck einer fehlenden Gemeinsamkeit zwischen Silberbauer Textiltechnik und GLS Tanks weg und der große gemeinsame Nenner tritt zum Vorschein: Beide sind Paradebeispiele für kleine Unternehmen, die weltweit agieren. Selbst wenn der Ursprung dieses wirtschaftlichen Erfolgskurses das ehemalige Gebiet des Eisernen Vorhangs im Waldviertel ist.   

> Zur Blogübersicht anlässlich 30 Jahre Fall des Eisernen Vorhangs

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Dieser Beitrag wurde von der freien Journalistin Carina Rambauske verfasst, die im Auftrag von ecoplus mit Unternehmen und Unternehmerinnen in der Grenzregion zur Wahrnehmung des Fall des Eisernen Vorhangs und der wirtschaftlichen Entwicklung ihrer Region spricht. Die Ansichten dieses Beitrages müssen nicht der Meinung von ecoplus entsprechen.