Das war die Fachexkursion „Mit natural ventilative cooling zu sommertauglichen Gebäuden“
Praxisbeispiele für natürliche, kontrollierte Fensterlüftung standen im Fokus der Veranstaltung des ecoplus Bau.Energie.Umwelt Cluster NÖ.
Bei der Fachexkursion „Mit Natural Ventilative Cooling zu sommertauglichen Gebäuden“ am 4.9.2026 lud der ecoplus Bau.Energie.Umwelt Cluster Niederösterreich gemeinsam mit der Universität für Weiterbildung Krems (UWK) zur Besichtigung realisierter Bauprojekte. Rund 20 Teilnehmende konnten unterschiedliche Lösungen für automatisierte kontrollierte Fensterlüftung vor Ort kennenlernen. Zum Auftakt führte Markus Winkler von der UWK in die Funktionsweise, Potentiale aber auch Grenzen von Natural Ventilative Cooling ein.
Einblicke in realisierte Lüftungskonzepte
Bildungscampus Gersthof
Das denkmalgeschützte ehemalige orthopädische Krankenhaus in Gersthof wurde grundlegend saniert und zu einem Schulgebäude adaptiert. Auf Grund der Gegebenheiten des historischen Bestandes war der Einbau einer mechanischen Lüftung nicht möglich. Durch umfangreiche Strömungssimulationen konnte in der Planung nachgewiesen werden, dass die geforderten klimaaktiv-Anforderungen an die Luftqualität mit einer automatisierten kontrollierten Fensterlüftung erreicht werden. Die bestehenden Oberlicht-Kippfenster in den Klassenräumen werden nun mechanisch angetrieben und die Stehflügel sind mit automatischen Sonnenschutzrollos im Fensterzwischenraum ausgestattet.
Die zur Nachtauskühlung notwendige Querlüftung wird durch neu eingebaute schallgedämmte Überströmelemente in den Zwischenwänden ermöglicht. Gesteuert wird raumweise nach CO2 bzw. Temperatur, wobei die Nutzenden jederzeit eingreifen können. Kombiniert ist die Regelung auch mit einer Wetterstation und dem Stundenplan. So kann eine angenehme, zugfreie Einbringung der Außenluft gewährleistet werden. Mit Elisabeth Winter von der Natürliche automatisierte kontrollierte Fensterlüftung KB GmbH diskutierten die Teilnehmenden die gängigen Vorbehalte gegenüber natürlicher Lüftung. Dabei wurde offensichtlich, dass je nach Bauaufgabe nur eine sehr spezifische Planung und eine maßgeschneiderte Umsetzung eine befriedigende Lösung ermöglicht.
Plus-Energie-Bürohochhaus, TU Wien
Auch im Plus-Energie-Hochhaus der TU Wien am Getreidemarkt wurde ein Ventilative-Cooling-Konzept umgesetzt. Bei der Nachtlüftung handelt es sich um eine Kernlüftung der Bürogeschosse. Jedes Stockwerk verfügt über ein automatisch öffenbares Fenster, welches bei passenden Wetterbedingungen und Kühlbedarf im Stockwerk die kalte Nachtluft durch seine Gänge strömen lässt. Über zwei Lüftungsschächte, die sich gleichzeitig mit dem Fenster öffnen, wird die Luft mittels Kamineffekt wieder aus dem Gebäude abgeführt. Die Wärme aus den Büros wird über Glasflächen (mit guter Wärmeleitfähigkeit) in den nachtgekühlten Gebäudekern transportiert.
Da der thermische Auftrieb mit größerem Abstand zwischen den Auslässen der Lüftungsschächte am Dach und dem Stockwerk immer stärker wird, startet die Nachtlüftung mit in den Stockwerken unterschiedlich weit geöffneten Lüftungsöffnungen. Die Fensterstellung wird alle zehn Minuten automatisch angepasst. Weil die mechanisch angetriebenen Fenster schon für die Brandrauchentlüftung notwendig waren, entstanden aus dieser Position keine Mehrkosten für natürliche Nachtlüftung. Die Effizienz der Maßnahme wird laufend gemonitort.
Marktraum Naschmarkt
In der neuen Markthalle am Naschmarkt wurde ein einfaches System zur Nachtauskühlung umgesetzt. Die Zuluft kommt über große, witterungsgeschützte Oberlicht-Kippfenster und die Abluft wird mechanisch unterstützt über Dach abgeführt. Diese Lösung reduziert signifikant den Kühlbedarf während den Öffnungszeiten.
Wiener Hofburg / Schweizertrakt
Hier konnten wir das Ergebnis eines Forschungsprojekts von Markus Winkler, Universität für Weiterbildung Krems, besichtigen. Ziel war, ein historisches Kastenfenster für die Eignung zur automatisierten Nachtlüftung aufzurüsten. Dies gelang mit handelsüblichen Standardkomponenten sowohl für den Antrieb der Fensterflügel als auch den Sonnenschutz und die temperaturgesteuerte Regelung. Das System ermöglicht eine effektive Nachtlüftung und gewährleistet in der überwiegenden Zeit zwischen Frühjahr und Herbst eine behagliche Raumtemperatur.
Neue Burg / Corps de Logis / reaktivierter historischer Luftbrunnen
Sehr spannend war sowohl die Geschichte der Reaktivierung als auch die Besichtigung des historischen Lüftungssystems in Teilen der Hofburg. Das verlorengegangene Wissen über das natürliche Zu- und Abluftsystem wurde erst nach und nach in den 1990er Jahren wieder aufgebaut. Zahlreiche Um- und Einbauten vor allem im Zweiten Weltkrieg unterbrachen das Kanalsystem. Erst durch Analyse der Baupläne sowie Luftstrommessungen konnte vermutet werden, dass es sich bei den Kanälen um ein Lüftungssystem, ähnlich denen des Burgtheaters oder des Parlaments, handelt.
Das System besteht aus zwei Zuluftöffnungen im Burggarten, Verteilkanälen im zweiten Untergeschoß und vier Steigschächten im Gebäude. Durch diverse Rückbauten konnte es bis zu einem gewissen Umfang wieder aktiviert werden. Die Zuluftkanäle aus Sichtziegelmauerwerk dienen dabei sowohl als saisonale Wärmetauscher als auch zum Entfeuchten der Luft im Sommer und zum Befeuchten im Winter. Eindrucksvoll waren die tatsächlichen Dimensionen der teilweise zweigeschossigen Zuluftkanäle und der entsprechend großen „Tore“ zur Regulierung des Volumenstroms.
Die realisierten Beispiele zeigen die Potenziale, Anforderungen und Grenzen von Natural Ventilative Cooling sowie die große Bedeutung einer abgestimmten Planung von Gebäude, Nutzung und technischer Umsetzung.
Nachschau
Einen Einblick in die Fachexkursion gibt die Bildergalerie.