Wir müssen wieder mehr Optimismus wagen - Interview mit Lambert Handl
Starkes Handwerk: Clusterpartner Tischlerei Handl ist als KMU gefordert, sich stetig weiterzuentwickeln. Wie? Das erzählt der Geschäftsführer im Cluster-Interview. Die Tischlerei Handl GmbH aus Dobersberg im Waldviertel besteht in 4. Generation seit 120 Jahren. Sie ist langjähriger Clusterpartner im ecoplus Bau.Energie.Umwelt Cluster Niederösterreich. Geschäftsführer Lambert Handl spricht im Interview mit Johannes Zeilinger über die strategische Arbeit am Unternehmen, Fehlerkultur & Reflexion, Themen der Zukunft fürs Handwerk und wie wichtig es ist, die Wertschöpfung im Betrieb zu halten.
Selbstreflexion und permanente Orientierung am Markt
Johannes Zeilinger: Bitte stell dich und das Unternehmen kurz vor.
Lambert Handl: Mein Name ist Lambert Handl. Ich habe die HTL Mödling besucht, die Tischler-Lehre gemacht und anschließend BWL studiert. Ich darf seit 2009 in 4. Generation die Tischlerei Handl in Dobersberg führen. Die Tischlerei selbst hat über die Jahrzehnte ein stetiges Wachstum erfahren, die Märkte sind sowohl Privatkunden als auch der Objektbau. Wir arbeiten auch als Lohnfertiger für Kollegen aus der Branche.
Johannes Zeilinger: Lambert, die Tischlerei Handl hat eine lange Tradition, ist aber gleichzeitig stark innovationsorientiert. Wie würdest du dein Unternehmen heute in wenigen Sätzen beschreiben?
Lambert Handl: Unsere Unternehmensentwicklung war sehr erfolgreich, auch in Hinblick auf Innovation. Dies erfordert ständige Selbstreflexion, den laufenden Blick über den Tellerrand sowie unbedingte Orientierung am Markt - das setze ich im Unternehmen laufend um. Dazu gehört auch das Feedback und Ratschläge von Kollegen und das Daraus-Lernen.
Mir war und ist es sehr wichtig, das bestehende Unternehmen zu modernisieren. Ein Fokus dabei war z.B. die Steigerung der Produktivität durch Einführung der Arbeitsteiligkeit. Früher hat ein Tischler ein Werkstück von der Planung bis zur Montage begleitet. Durch die eingeführte Arbeitsteilung konnte die Effizienz und auch die Qualität der Arbeit stark gesteigert werden.
Ein weiterer wesentlicher Faktor ist die Automatisierung, die Durchgängigkeit von der Planung bis zur Durchlaufbearbeitungsmaschine.
"Ziel muss es sein, die Wertschöpfung im Betrieb zu halten."
Johannes Zeilinger: Was sind aktuell die größten Themen oder Herausforderungen, die die Branche bzw. dein Unternehmen bewegen?
Lambert Handl: Die produzierenden Tischler in Österreich werden aufgrund der Anforderungen tendenziell weniger, dadurch entsteht mittelfristig weniger Wettbewerbsdruck. Viele Unternehmen spezialisieren sich und lagern viele Arbeitsschritte aus, z.B. für Halbfertigteile an die Zulieferindustrie. Dadurch geht aber viel Wertschöpfung in der Region verloren und es entstehen Abhängigkeiten von den Zulieferern. Die Tischlereien verlieren ihre Autonomie. Diese Entwicklung finde ich nicht gut. Mein Bestreben ist, soviel Wertschöpfung wie möglich im eigenen Betrieb zu halten.
Auch die Herausforderungen am Arbeitsmarkt werden nicht weniger: Fachkräfte- und Lehrlingsmangel bleiben langfristig bestehen. Der Markt ist derzeit herausfordernd, die Investitionsbereitschaft bei Kundinnen und Kunden ist derzeit etwas verhalten. Hier sind wir Teil der politischen Großwetterlage. Ich bin der Meinung, dass hier ein bisschen Zuversicht der Branche gut tun würde. Wir müssen wieder mehr Optimismus wagen!
Die größte Herausforderung für mein Unternehmen ist aber derzeit meine Doppelrolle als Geschäftsführer der Tischlerei und Bürgermeister von Dobersberg. Dies verlangt viele Kompromisse.
Benchmarking: im direkten Kennzahlen-Vergleich mit anderen Unternehmen
Johannes Zeilinger: Du bist ein Mitinitiator des Cluster-Projektes „Benchmarking für Tischler“. Was motiviert dich als Unternehmer dazu?
Lambert Handl: Ein Unternehmen ist ein komplexer Organismus, in dem es sehr schwer ist, objektive Kriterien für die Bewertung selbst zu entwickeln. Die Bilanz, die wir jedes Jahr legen, lässt keinen Rückschluss darauf zu, in welchen Teilbereichen wir erfolgreich sind und wo wir uns verbessern können. Die hierfür relevanten Kennzahlen kann man aus dem eigenen Jahresabschluss nicht herauslesen.
Hier bedarf es den Vergleich mit anderen Unternehmen aus der Branche, um aussagekräftige Kennzahlen zu bekommen, aus denen man dann Maßnahmen für das eigene Unternehmen ableiten kann.
Johannes Zeilinger: Wie bist du auf "Benchmarking" gekommen?
Lambert Handl: Unsere Tischlerei war im Jahr 2009, kurz vor meiner Übernehme, in einem Benchmarking-Projekt involviert. Damals habe ich mir schon gedacht, dass das ein sehr sinnvolles Instrument sein könnte. Der Gedanke daran hat mich nie losgelassen.
Nicht im, sondern am Unternehmen arbeiten
Johannes Zeilinger: Was motiviert dich persönlich in deiner Arbeit als Unternehmer?
Lambert Handl: Zur Übernahme des Betriebs hat mich ganz stark mein Vater motiviert und auch früh eingebunden. Der Stellenwert des Unternehmens bei Kunden hat mir sehr imponiert und mich weiter motiviert. Sinnvolle Arbeit zu leisten, kreativ zu sein, zu gestalten und Wertschöpfung zu generieren, begeistert mich jeden Tag.
Hier hat mich auch der Bau.Energie.Umwelt Cluster Niederösterreich sehr unterstützt. Die Erfahrungen aus den Kooperationsprojekten haben mich darin unterstützt, mein Unternehmen weiterzuentwickeln. Es freut mich auch sehr, dass auch mein Sohn nächstes Jahr in der HTL Mödling geht und mit ihm vielleicht eine 5. Generation heranwächst.
Johannes Zeilinger: Wie schaffst du es, dich aus dem Tagesgeschäft freizuspielen und strategisch am Unternehmen zu arbeiten? Du bist ja auch Bürgermeister, Vizepräsident des Gemeindebundes Niederösterreich sowie Funktionär der Landesinnung der Tischler und Holzgestalter Niederösterreich – also hast viele „Jobs“…
Lambert Handl: Wenn alle implementierten Prozesse im Unternehmen richtig funktionieren, bin ich im Tagesgeschäft in der Firma entbehrlich. Weiterhin stark involviert bin ich natürlich noch in der Akquise und der Personalführung. Mein Ziel ist es, nicht im Unternehmen zu arbeiten, sondern am Unternehmen.
Johannes Zeilinger: Welche Empfehlung würdest du jungen Unternehmerinnen und Unternehmern im Handwerk heute geben?
Lambert Handl: So viel Wissen wie nur möglich aufzusaugen, Entscheidungen zu treffen und sich immer selbst zu hinterfragen. Es ist immer besser, eine schlechte Entscheidung zu treffen als gar keine. Von Fehlern lernt man immer. Ich rate auch, Feedback von erfahrenen Kollegen einzuholen und Rat anzunehmen.
Der Nutzen von kooperativen Projekten im Cluster
Johannes Zeilinger: Die Tischlerei Handl hat sich bei zahlreichen Clusterprojekten engagiert, z.B. zu den Themen Benchmarking, KVP Kontinuierlicher Verbesserungs-Prozess, Strategieentwicklung etc. Was war deine Motivation und welchen Nutzen hast du daraus gezogen?
Lambert Handl: Das Wissen und die Expertise, wie man sein Unternehmen weiterentwickeln kann, liegt im Markt: bei den Kunden, bei den Kollegen. Jeder der sein Unternehmen erfolgreich führt, orientiert sich am Markt. Das kann man sich nicht zukaufen. Die Möglichkeit, sich mit Kollegen unter professioneller Moderation auszutauschen, ist aus meiner Sicht mehr wert als jedes zugekaufte Expertenwissen.
Und genau das bekommt man in kooperativen Projekten, wie der Cluster sie organisiert. Der Nutzen daraus für mich und mein Unternehmen ist immer vorhanden: Eindrücke, Diskussionen und Erfahrungen der Kooperationspartner lassen mich über mein eigenes Tun reflektieren und tragen dazu bei, mein Unternehmen weiterentwickeln.
Johannes Zeilinger: Was macht für dich eine gute, funktionierende Zusammenarbeit aus?
Lambert Handl: Offener und ehrlicher Austausch. Das Wissen aller teilen und davon lernen.
Die Themen der Zukunft
Johannes Zeilinger: Ein Blick in die Zukunft: Welche Themen wären für dich künftig interessant?
Lambert Handl: Die Suche nach Fachkräften wird auch in Zukunft schwierig bleiben. In welchem Bereich Automatisierung, wie z.B. autonome Robotik, Einzug halten wird, kann ich noch nicht abschätzen. Digitalisierung kann vielleicht bald technische Assistenz für Hilfsarbeiter bieten, z.B. mittels KI-generierter Aufbauanleitungen für Möbel vor Ort.
Wichtiger werden auch Kooperationen unter Kollegen mit unterschiedlichen Stärken. Ziel muss es sein, die Wertschöpfung im Handwerk zu halten
Kooperationen werden wichtiger
Johannes Zeilinger: Die Tischlerei Handl ist langjähriger Clusterpartner. Was sind eure Erwartungen an den Cluster?
Lambert Handl: Themen zu finden und für Unternehmen aufzubereiten, die relevant sind, die mitreißen, die man einzelbetrieblich nicht stemmen kann.
Johannes Zeilinger: Unser Motto lautet "Innovation durch Kooperation". Kannst du dem etwas abgewinnen?
Lambert Handl: Ja, und Kooperation wird noch wichtiger werden!
Johannes Zeilinger: Wir kommen nun schon zum Ende unseres Interviews. Hast du noch einen konkreten Wunsch an das Cluster-Management?
Lambert Handl: Macht weiter so wie bisher.
Johannes Zeilinger: Herzlichen Dank für das Interview!
Zum Unternehmen
Tischlerei Handl GmbH
Waldkirchnerstr. 2-4, 3843 Dobersberg
www.handl.co.at