Junger Mann mit dem Handy
westend 61/Uwe Umstätter
23. Juli 2026

Fließende Prozesse erleben – vor Ort bei Tischlerei Mayr

Wie werden Prozesse effizienter? Welche Rolle spielen Führung und Mitarbeitende? Und wie werden Verbesserungspotenziale im Arbeitsalltag sichtbar und wirksam nutzbar?

Beim Fach-Event „Fließende Prozesse erleben“ am 17. Juli 2026 lud der ecoplus Bau.Energie.Umwelt Cluster Niederösterreich nach Lunz am See. Rund 25 Teilnehmende erhielten praxisnahe Einblicke in LEAN-Management und dessen Umsetzung bei der Tischlerei Mayr GmbH. Zum Auftakt vermittelte LEAN-Experte Dieter Budinsky von ACON Management Consulting GmbH zentrale Grundsätze des kontinuierlichen Verbesserungsprozesses. Die wichtigste Aufgabe des Managements fasste er mit zwei Worten zusammen: „Rahmen schaffen“.

LEAN-Management entsteht nicht allein durch Methoden, Steuerungstafeln oder standardisierte Abläufe. Entscheidend ist eine Unternehmenskultur, in der Mitarbeitende ihre Erfahrungen einbringen, Probleme offen ansprechen und Verbesserungen aktiv mitgestalten. Führungskräfte schaffen dafür den Rahmen: durch Interesse, gezielte Fragen und die Bereitschaft, Vorschläge ernsthaft aufzugreifen.

Wertschätzung ist damit eine zentrale Voraussetzung für einen funktionierenden kontinuierlichen Verbesserungsprozess. Denn die Mitarbeitenden kennen ihre eigenen Arbeitsabläufe, Schnittstellen und Engpässe am besten. Dieses Wissen sichtbar zu machen und für Verbesserungen zu nutzen, ist ein wesentlicher Hebel von LEAN.

Dieter Budinsky verdeutlichte diesen Gedanken mit einem Vergleich aus dem professionellen Skirennlauf: Dort arbeitet das gesamte Team daran, die bestmöglichen Voraussetzungen für die Athletin oder den Athleten zu schaffen. Ähnlich werden auch in einem Unternehmen, das LEAN umsetzt, jene Mitarbeitenden in Verbesserungsprozesse eingebunden, die unmittelbar an der Wertschöpfung beteiligt sind. Einzelne Bereiche isoliert zu optimieren, reicht nicht aus, wenn dadurch an den Schnittstellen neue Ineffizienzen entstehen. 

Mehr über die Grundlagen, den Nutzen und die Einführung von LEAN-Management erfahren Sie im Interview „KVP + LEAN“ bedeutet… Experte Dieter Budinsky im Interview“.

Verbesserungen entstehen direkt am Arbeitsplatz

Ein wichtiges Instrument ist das sogenannte Genba-Management. „Genba“ stammt aus dem Japanischen und bezeichnet den Ort, an dem die Wertschöpfung tatsächlich stattfindet: am Büroarbeitsplatz, in der Produktionshalle, auf der Baustelle. Besprechungen, Problemlösungen und Verbesserungsaktivitäten werden daher möglichst unmittelbar an den jeweiligen Arbeitsplätzen durchgeführt.

Kurze Tagesbesprechungen mit Visualisierungen, zum Beispiel auf Tafeln oder Flipcharts, machen den aktuellen Stand für alle transparent. Probleme werden täglich sichtbar gemacht; Lösungen, Verantwortlichkeiten und Fristen werden direkt vor Ort festgelegt. Einen großen Teil der Steuerungs- und Verbesserungsarbeit rund um den Arbeitsplatz übernehmen dabei die Mitarbeitenden selbst. Wie bei einer Mannschaft im Sport wissen alle Beteiligten, was gerade geschieht. Kleine Probleme werden möglichst rasch bearbeitet, bevor sie sich zu größeren Hindernissen entwickeln.

Vom Auftragsboard zur verbindlichen Umsetzung

Wie dieser Ansatz in der Praxis funktioniert, zeigte sich beim Betriebsbesuch in der Tischlerei Mayr GmbH. 

Das Unternehmen nahm am Kooperationsprojekt „LEAN Prozesse im ecoplus Bau.Energie.Umwelt Cluster Niederösterreich teil und führte im Zuge dessen grundlegende LEAN-Methoden und standardisierte Arbeitsprozesse ein. Zu den fünf teilnehmenden KMU des Projekts gehörten neben der Tischlerei Mayr GmbH auch Lehner Leisten GmbH, Schrenk GmbH, Waldviertler Werkstätten GmbH und A. Weber GmbH.

Visuelles Management ist eines der wesentlichen LEAN-Prinzipien, die Tischlerei Mayr umsetzt. Es schafft ein gemeinsames Verständnis für Informations- und Materialflüsse. Abweichungen werden früher sichtbar und können vom Team schneller bearbeitet werden.

Eine zentrale Rolle in der laufenden Produktionssteuerung übernimmt das Auftragsboard. Geschäftsführer Joachim Mayr erläuterte dessen Einsatz: „Täglich um 7 Uhr früh trifft sich das Fachkräfte-Team vor dem Board, um die Abläufe und den Status jedes unserer Projekte zu besprechen und dabei etwaige Probleme zu benennen. Für jedes Problem wird sofort nach einer Lösung gesucht und eine verantwortliche Person und eine Frist festgelegt.“ So wird der kontinuierliche Verbesserungsprozess zum festen Bestandteil des Arbeitsalltags.

Neue Perspektiven statt fertiger Lösungen

Einen besonderen Mehrwert sieht Joachim Mayr in der externen Begleitung des Veränderungsprozesses, in Person ist das Andreas Meynert von ACON: „Ich schätze sehr, dass unser LEAN-Berater kein Experte auf unserem Fachgebiet, der Tischlerei, ist und dadurch eine andere Sichtweise auf unsere Prozesse mitbringt.“

Die externe Perspektive unterstützt das Unternehmen dabei, gewohnte Abläufe zu hinterfragen und eigene Lösungen im Team zu entwickeln. LEAN-Beratung bedeutet damit nicht, fertige Antworten vorzugeben. Sie hilft, den Rahmen zu schaffen, die richtigen Fragen zu stellen, Zusammenhänge sichtbar zu machen und Verbesserungskompetenz im Unternehmen aufzubauen.

Ziehende Logistik rund um die CNC-Station

Ein weiteres LEAN-Prinzip ist die ziehende Logistik nach dem Pull-Prinzip. Materialien werden dabei nicht vorsorglich und in möglichst großen Mengen bereitgestellt, sondern bedarfsgerecht für konkrete Kundenaufträge kommissioniert.

Die Materialien werden bei Tischlerei Mayr set-weise vorbereitet und orientieren sich am tatsächlichen Ablauf in der Produktion. Dabei kommt der CNC-Station eine zentrale Funktion zu. „Die set-weise Kommissionierung richtet sich nach den Abläufen bei der CNC-Station. Dort liegt die größte Wertschöpfung im Produktionsprozess und dort müssen auch fast alle Teile durch“, erklärte Joachim Mayr.

Durch diese Ausrichtung werden Materialbewegungen besser koordiniert, Zwischenbestände reduziert und Abläufe übersichtlicher. Das Pull-Prinzip stellt sicher, dass benötigte Teile zum richtigen Zeitpunkt und in der richtigen Zusammenstellung verfügbar sind. Gleichzeitig sinkt der Aufwand für Logistik und Lagerhaltung.

Eine aufgeräumte Produktion unterstützt die Transparenz

Besonders auffällig war für die Gäste die Übersicht und Ordnung in der gesamten Produktion. Das war nicht immer so. Heute erleichtern definierte Ablageorte, Kennzeichnungsstandards und eine systematischere Materialbereitstellung die Orientierung. Der aufgeräumte Zustand ist dabei mehr als eine optische Verbesserung: Er steht für effizientere Logistik, kürzere Suchwege und transparentere Abläufe.

LEAN ist Teammanagement

Der Betriebsbesuch machte deutlich: LEAN-Management ist kein einmaliges Optimierungsprojekt und keine reine Sammlung von Methoden. Es ist ein fortlaufender Lernprozess, der vom gesamten Team getragen wird.

Das Managementteam schafft den Rahmen, in dem Mitarbeitende Verantwortung übernehmen und Verbesserungen anstoßen können. Visuelle Steuerung sorgt für Transparenz, Standards geben Orientierung, und regelmäßige Besprechungen direkt am Arbeitsplatz helfen, Abweichungen früh zu erkennen. Entscheidend ist die Bereitschaft, Veränderungen auszuprobieren, daraus zu lernen und Prozesse gemeinsam weiterzuentwickeln.

Gerade in Kooperationsprojekten wie „LEAN Prozesse“ profitieren Unternehmen zusätzlich vom Erfahrungsaustausch mit anderen Betrieben. Sie lernen unterschiedliche Herangehensweisen kennen, motivieren einander bei der Umsetzung und bauen LEAN-Kompetenz anhand ihrer eigenen Prozesse auf.

Auch Sie wollen fließende Prozesse in Ihrem Betrieb?

In vielen Unternehmen bestehen erhebliche Potenziale zur Verbesserung von Durchlaufzeiten, Informationsflüssen, Qualität und Liefertreue. Ob in Produktion oder Verwaltung: Der ecoplus Bau.Energie.Umwelt Cluster Niederösterreich unterstützt Unternehmen dabei, sich mit LEAN-Management und KVP auseinanderzusetzen, Erfahrungen mit anderen Betrieben auszutauschen und Verbesserungen praxisnah im eigenen Unternehmen umzusetzen.

Der Cluster organisiert kooperative Projekte, ähnlich wie „LEAN Prozesse“, laufend. Aktuell am Start ist „LEAN für Tischler“. Bei Interesse melden Sie sich beim Clusterteam. 

Hier gelangen Sie zur Bildergalerie des Fachevents "Fließende Prozesse erleben".

Ihr Kontakt für weitere Rückfragen:

Michaela Smertnig

Clustermanagerin Bau.Energie.Umwelt Cluster Niederösterreich
E: m.smertnig@ecoplus.at